Führten gefakte Bilder zur Intifada?

By globowriter

Freispruch und Klage
Frankreich streitet um Bilder aus Palästina

GENF, 25. Mai

Nach acht Jahren ist endlich ein rechtsgültiges Urteil gefallen: Der
Medienkritiker Philippe Karsenty ist freigesprochen worden. Er hat
Charles Enderlin, den Israel-Korrespondenten des führenden
französischen Staatssenders „France2″, nicht in seiner Ehre verletzt.
Karsenty bekommt eine Entschädigung. In erster Instanz hatte das
Gericht in Paris noch ganz anders entschieden und Karsenty zu einer
Geldstrafe von tausend Euro verurteilt.

Beim Streit um die Ehre zweier Männer geht es um eine der übleren
Medienfälschungen der jüngeren Vergangenheit. Charles Enderlin und
sein Kameramann hatten am 30. September 2000 Bilder von der
Erschießung des Palästinenserjungen Mohammed al-Dura nach Paris
geschickt. „France2″ eröffnete mit ihnen die Tagesschau, danach gingen
sie um die Welt. Sie waren einer der Faktoren, die zur zweiten
Intifada führten. Mohammed al-Dura wurde zum „Märtyrer“: Auf
Transparenten und auf Mauerinschriften – auch auf einer tunesischen
Briefmarke wurde seines Schicksals als Opfer der unmenschlichen
israelischen Armee gedacht. Enderlins Bilder finden sich auch auf dem
Video, auf dem zu sehen ist, wie dem amerikanischen Journalisten
Daniel Pearl die Kehle durchgeschnitten wurde.

Doch die Ereignisse von Ende September 2000, die von Terroristen zum
Vorwand genommen wurden, waren eine Inszenierung, mit der die
Weltöffentlichkeit manipuliert werden sollte. Dass Charles Enderlin
dies damals wusste oder ahnte, dass er an der Manipulation gar
beteiligt war, hat niemand behauptet. Aber er und sein Sender haben
sich mit einem bornierten Eifer gegen die Aufklärung gewehrt, der die
schlimmsten Befürchtungen aufdrängt. „France2″ hielt auch das bei der
Nachrichtenausstrahlung nicht verwendete Material unter Verschluss.
Und den Film der deutschen Journalistin Esther Schapira, der Zweifel
an der Richtigkeit von Enderlins Fernsehbildern bekundete, wollte man
nicht zur Kenntnis nehmen. Als Philippe Karsenty in seinem Newsletter
„Media-Ratings“ die Zweifel als heftige Anschuldigungen gegen Enderlin
und „France2″ formulierte, klagten die Kritisierten. Und bekamen
zunächst recht.

Doch internationale Berichte haben das Gericht veranlasst, die Sache
auch inhaltlich etwas genauer zu betrachten. In zweiter Instanz sind
„France2″ und Enderlin abgeblitzt. Doch in ihrer unverbesserlichen
Sturheit gehen sie auch jetzt noch weiter: Sie wollen eine
Nichtigkeitsbeschwerde einreichen. Die französischen Medien haben
nur knapp berichtet, bei der Verkündung des Urteils waren vor allem
israelische und amerikanische Journalisten vertreten. Gespannt sein
darf man auch auf die Reaktionen in der arabischen Welt, wo Plätze und
Schulen nach Mohammed al-Dura benannt sind. Sollte die Vermutung
stimmen, dass er noch lebt, wäre das nicht nur für ihn eine gute
Nachricht. JÜRG ALTWEGG
Text: F.A.Z., 26.05.2008, Nr. 120 / Seite 42

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