Archiv für Juni 2008

„Computer ärgern sich einfach nicht richtig“

Juni 18, 2008
Auch beim Brettspiel kann man sich richtig schön ärgern.
Auch beim Brettspiel kann man sich richtig schön ärgern.
Foto: E.-M. Reuber
Spielen ist nicht allein eine Domäne der Kinder: Erwachsene und Senioren können sich den Spass am Spiel genauso erhalten. Auch hier hilft die Arbeitsstelle für Spielforschung und Freizeitberatung der Fachhochschule Dortmund. Sie wird in diesem Jahr 25 Jahre alt.

Seit einem Vierteljahrhundert untersucht die „Spielestelle“ des Fachbereichs Angewandte Sozialwissenschaften Spiele für alle Altersstufen. Im Vordergrund: Kommunikative und pädagogische Aspekte.

„In einer weitgehend durchrationalisierten und konsumorientierten Welt gewinnen Freizeit und Spiel zunehmend an Bedeutung. Kreativität, Phantasie und Toleranz sollen gefördert werden“, sagt der Leiter der Stelle, Prof. Dr. Rainer Korte (64).

Beratung und Information über Spiele – vom Kindergarten bis zum Seniorenheim – ist eine ihrer Aufgaben. Sie gibt Empfehlungen, hilft bei Anleitungen. „Die besten Spiele sind aber immer noch die, die man nicht seitenlang erklären muss“, weiß Prof. Korte. Schnell muss es gehen und Spass muss es machen. Dazu gehören natürlich auch Mitspieler und Gegner. „Ein Computer kann sich einfach nicht vernünftig ärgern“, hebt Rainer Korte die kommunikative Komponente hervor. Dazu müssen die Spiele natürlich altersgerecht ausgelegt sein.

Man kann es aber auch übertreiben. Korte: „In Seniorenheimen ärgern sich die Leute maßlos, wenn man mit einem „Mensch, ärgere dich nicht – Spiel“ in XXL-Format ankommt.“ Stattdessen sind hier Evergreens wie „Vier gewinnt“ genauso gefragt wie zielgruppengerechte Neuentwicklungen: „Vertellekes“ etwa ist ein Spiel, in dem Senioren Anekdoten aus ihrem Leben zum Besten geben können.

Mitarbeiter Lars Thoms weiß übrigens, dass die Welt des Spiels nicht grenzenlos ist: „Die Muster sind nicht beliebig erweiterbar, die Prinzipien ähneln sich sehr oft.“ So ist bei Kindern und alten Menschen oft ein hoher Glücksfaktor hilfreich: Die Tage des guten alten Würfels sind noch lange nicht gezählt.

Das Spielearchiv in der Otto-Hahn-Straße umfasst mittlerweile 3500 Exemplare: Vom Würfel- und Kartenspiel bis hin zum Strategie- und Bewegungsspiel.

Tendenz: steigend. Umsatzsteigerungen bei den Spielverlagen von 10 Prozent sind für die letzten Jahre normal. Dieser rapiden Entwicklung stehen viele Verbraucher – wie so oft – ratlos gegenüber. Wer schon einmal Beratung in so genannten Fachmärkten gesucht hat, weiß, wovon die Rede ist. „Wir haben den Auftrag“, so Rainer Korte, „ein Gegengewicht durch Informationen zum puren Kommerz zu bilden“. Unabhängigkeit und Objektivität sind für die Arbeitsstelle mehr als nur Schlagworte.

Wobei man auch stets für Neues offen ist. Das Schlimmste, so Korte, sind die selbsternannten Spieleerfinder: „Die präsentieren uns dann die 25. Version von ‘Monopoly“ in lila’.“ Man kann es, wie gesagt, auch übertreiben. Aber die wenigsten tun das.

Chef sein macht einsam

Juni 15, 2008

SKOL:

Politikern trauen sie gar nicht, externen Informationen nur ungern: Deutsche Topmanager kapseln sich von der Außenwelt ab – das belegen Unternehmensberater und Forscher in einer gemeinsamen Studie. Nur eine Vertraute haben die Bosse – ihre eigene Frau.

Als Rudolf Schulten den Chefsessel des Mannheimer Stromversorgers MVV Energie übernahm, wurde es plötzlich merkwürdig still um ihn. „Als Vorstandsvorsitzender stellte ich fest, dass ich plötzlich ganz einsam in der eigenen Organisation wurde, weil niemand auf der gleichen Hierarchieebene war wie ich.“ Schulte versuchte, der Funkstille entgegenzuwirken, setzte, wie er sagt, „kritische Leute“ an Schaltstellen. Nach zwei Jahren hatte sich die Situation gebessert.

Chefsein macht einsam

DDP

Manager unter sich: Chefsein macht einsam

Doch die Einsamkeit des Chefs hängt nicht nur mit der Kultur des konkreten Unternehmens zusammen. Viele Vorstandschefs und Vorstände großer Unternehmen erzählen Ähnliches. Die Luft an der Spitze ist nicht nur dünn, sondern auch kalt. Mitarbeiter begegnen ihren Bossen mit einer gewissen Distanz. Das ist die Kehrseite des Tunnelblicks, den wir unseren Topmanagern gerne vorwerfen: Mit zunehmender Entscheidungsgewalt der Bosse wächst dass Misstrauen der Belegschaft gegen „die da oben“.Die Folge: Die CEOs tauschen sich immer stärker mit ihresgleichen in anderen Unternehmen aus. Gesprächstherapie für Chefs, Selbsthilfegruppen der Millionäre? Ein wenig ist es so. Jedenfalls sind es vor allem die Kollegen aus anderen Firmen, die vielen Bossen als glaubwürdige Gesprächspartner gelten. „So wie beim Ärztekongress über Fachthemen diskutiert wird, müssen Unternehmensentscheider dies ebenfalls tun“, sagt Bastian Fassin, Chef des Süßwarenproduzenten Katjes. Dabei bieten „Verbände, aber auch kleine Gesprächskreise gute Austauschmöglichkeiten.“ Diese müssen jedoch „durch Unternehmer und ein vertrauensvolles Klima geprägt sein“, so Fassin.

Persönliches Netzwerk ist zentraler Erfolgsfaktor

Das persönliche Netzwerk ist also nicht nur für Berufseinsteiger wichtig, sondern wird auch für heutige CEOs zum zentralen Erfolgsfaktor. „Hier tauschen sie Ideen aus, diskutieren wirtschaftspolitische Fragen, aber auch neue Managementmodelle“, sagt Torsten Oltmanns, Global Marketing Director bei der Strategieberatung Roland Berger. Er muss es wissen. Gemeinsam mit seinem Team und der Technischen Universität München hat Oltmanns jetzt in zwei Studien die Großen der deutschen Wirtschaft unter die Lupe genommen.

Tatsächlich haben die Berater Seelenforschung einer scheuen Spezies betrieben: Topmanager stehen im Zentrum gesellschaftlicher Neiddebatten. Millionengehälter und scheinbar menschenfeindliche Standortentscheidungen führen dazu, dass die Popularität der Vorstandschefs großer Firmen immer weiter sinkt. Entsprechend ungern lassen die Bosse sich in die Seele blicken. So weiß niemand, wer die vermeintlichen Jobkiller eigentlich sind, wie sie ticken, sich informieren, Entscheidungen vorbereiten. Fragen wie diese nahmen sich die Berater um Oltmanns vor. In ihren Interviews bekamen sie Einblicke ins Innenleben der Spezies Boss.

Ein Ergebnis: Das Vertrauen in zentrale gesellschaftliche Meinungsmacher ist ausgesprochen begrenzt. Selbst Forschungsinstituten und Wissenschaftlern vertrauen sie deutlich weniger als den eigenen Mitarbeitern und Kollegen in anderen Unternehmen. Je höher man in die Firmenhierarchie blickt, desto deutlicher wird dabei die Differenz: Die Berger-Berater unterscheiden zwischen Dirigenten, Solisten und Orchestermusikern. Sie alle agieren als Entscheider, doch nur die Dirigenten sind die wirklichen Weichensteller, Vorstandschefs und zentrale Vorstandsmitglieder also. Gerade sie differenzieren sehr stark zwischen verschiedenen Informationsquellen. Hier wirken sich offenbar die gemischten Erfahrungen aus, die viele Bosse mit externen Input-Gebern machen mussten.

Politiker sind kaum glaubwürdig

Bitter für die andere Machtelite eines Landes – die Politiker: Gerade ihnen trauen die Bosse in den Vorstandsetagen so gut wie überhaupt nicht. Zehn Prozent halten sie für gar nicht, 70 weitere Prozent für unterdurchschnittlich glaubwürdig. Wirtschaftspolitische Naivität und kurzatmiger Populismus – wie zuletzt im Fall Nokia zu beobachten – lässt offenbar die Vertrauensbasis erodieren.

Das Resultat: Die ökonomische Elite geht auf Distanz zu den gewählten Mächtigen. „Top-Manager tun meines Erachtens gut daran, die direkte Nähe zur Politik zu meiden“, sagt Alexander Rittweger, Chef des Payback-Betreibers Loyalty Partners in München. Ansonsten finde man sich schnell auf glattem Parkett wieder, „auf dem man leicht ausrutscht und sich selbst und seinem Unternehmen im Zweifel mehr schadet als nützt.“ Andererseits: Die gefühlte wirtschaftspolitische Inkompetenz der Regierenden wird dadurch natürlich nicht besser. Einen kompletten Rückzug der Vorstandschefs hält Rittweger deshalb auch nicht für empfehlenswert: „Die Politik ist auf den Austausch mit Entscheidern aus der Wirtschaft angewiesen, insofern halte ich den informellen Austausch in aller Stille durchaus für sinnvoll.“

Wie beim Umgang mit der Politik, so ist den Bossen auch bei ihrer Informationsbeschaffung ein gewisses Grundmisstrauen anzumerken. Zu oft wird offenbar versucht, sie mit tendenziösen Informationen zu manipulieren. Andererseits basiert die Macht des Chefs nicht zuletzt auf Informationen. „Information ist die Leitwährung der Macht“, so Oltmanns. Und so wird die Suche nach Informationen zur „ureigensten und einer der wichtigsten Aufgaben jedes Entscheiders“ – vor allem nach solchen, die andere möglichst nicht haben. 18 Stunden pro Woche wenden nach der Berger-Untersuchung alle Entscheider dafür auf, immerhin 14 Stunden investieren die Dirigenten – also die absoluten Top-Entscheider, in die Beschaffung zuverlässiger Informationen.

„Bitte sagt die Wahrheit“

Bei der Bewertung von Quellen geht es den Bossen vor allem um Zuverlässigkeit. Absolut vertrauenswerte Quellen zu finden, ist ihnen sogar wichtiger als analytische Tiefe oder thematische Breite. „Ihr müsst mir nicht alle Details sagen, aber bitte sagt die Wahrheit“, so offenbar das Credo der Bosse.

Ob das auf firmeninterne Informationen eher zutrifft? Sicher nicht zwangsläufig. Dennoch: Die Berger-Forscher konnten zeigen, dass auf den obersten Hierarchiestufen der Anteil der externen Informationen abnimmt. Die Gefahr davon ist offensichtlich: Chefs, die den Blick nicht mehr nach außen richten, werden zu betriebsblinden Zahlenmenschen. Dieses Problem sehen viele Vorstandschefs heute auch. „Top-Entscheider, die nur noch interne Quellen nutzen, laufen große Gefahr, Scheuklappen anzulegen und Kritik auszublenden“, sagt etwa Payback-Chef Rittweger.

„Stimmt, das Risiko besteht“, räumt auch Katjes-Chef Fassin ein. Seine Lösung: „Raus aus den Büros, ran an die Kunden!“ Den Bossen in seiner Branche empfiehlt Fassin, „regelmäßige Storechecks zu machen oder mit den Kunden zu diskutieren. Marketing startet beim Kunden und nicht den Kollegen!“

Eine Person, auf die sich die Manager hundertprozentig verlassen, sitzt indes weder in den Büros der Vorstandsstäbe noch überhaupt in großen Büros: die eigene Frau. Ihr trauen die Chefs am ehesten. Auch bei unternehmensrelevanten Überlegungen bleibt sie durchaus nicht immer außen vor. Gerade für die absoluten Top-Entscheider, die Dirigenten, ist sie sogar besonders wichtig, so die Berger-Studie. Das bestätigt auch Thomas Blunck, Vorstandsmitglied der Münchner Rückversicherung. Er bezieht seine Frau zwar nicht in Fachfragen mit ein, aber in „Themen der Führung, des Konfliktmanagements oder emotionaler Erlebnisse“. Bastian Fassin zieht oft sogar weitere Familienmitglieder zurate. „Familien sind das vertrauensvollste und auch ehrlichste Netzwerk für mich. Ob man will oder nicht, den Sparringspartner habe ich als Familienunternehmer immer.“

Keine Akteneinsicht für Rechteinhaber – Im Fall von Urheberrechtsverletzungen über sog. „Tauschbörsen“

Juni 15, 2008

Gefunden bei MIR

LG München I, Beschluss vom 12.03.2008 – Az. 5 Qs 19/08 – 382 Ujs 702186/08 (StA)

Keine Akteneinsicht für Rechteinhaber – Im Fall von Urheberrechtsverletzungen über sog. „Tauschbörsen“ folgt ein berechtigtes Interesse der Rechteinhaber auf Gewährung von Akteneinsicht nicht geradezu „automatisch“ aus deren Verletzteneigenschaft.

Leitsätze:

StPO §§ 406e; UrhG § 97 Abs. 1; EMRK Art. 6 Abs. II

1. Im Fall von Urheberrechtsverletzungen (hier: im Rahmen von „Tauschbörsen“) folgt ein berechtigtes Interesse der Rechteinhaber auf Gewährung von Akteneinsicht nicht geradezu „automatisch“ aus deren Verletzteneigenschaft. Dies gilt umso mehr, wenn ein Verfahren gegen „Unbekannt“ vorliegt und es daher an der Feststellung eines Beschuldigten fehlt.

Gäste stinksauer auf Polizei

Juni 12, 2008

Aus der Vielzahl der Forumsbeiträge aus Foruni haben wir uns mal einen herausgegriffen – weitere sind über den link nachlesbar:

Ich war während der Razzia glücklicherweise nicht anwesend. Glücklicherweise deshalb, weil so eine Grossrazzia immer unglaublich viel Zeit und Nerven in Anspruch nimmt. Ich habe gehört, die letzten wären erst gegen halb sieben Uhr morgens aus den Filzbussen rausgekommen, und die Aktion ging ja um halb zwei schon los. Das ist dann schon ein ziemlich versauter Abend, auch wenn man sich wie die meisten Leute gar nichts hat zu Schulden kommen lassen.

Einige Details sind nun bereits durchgesickert, und da gibt es ein paar Punkte bei denen ich mich frage, ob das Vorgehen der Polizei überhaupt rechtmässig war. Von Verhältnismässigkeit mal ganz zu schweigen. Vielleicht können mir hier die Jureter auf dem Board Genaueres sagen. Vielleicht gibt es ja sogar Jureter auf dem Board, die auch in diese Aktion mit hinein gezogen wurden.

Schwere Vorwürfe bezüglich Vorgehens der Polizei bei Großrazzia in Konstanzer Diskothek

Juni 11, 2008

mehr dazu auf Wikinews:

In der Nacht von Freitag, den 30. auf Samstag, den 31. Mai 2008 wurde in einer Diskothek in Konstanz, Baden-Württemberg, eine großangelegte Polizeiaktion durchgeführt. An der Aktion, die sich über mehrere Stunden bis Samstag morgens, ca. 7:30 Uhr hinzog, waren etwa 200 Einsatzkräfte der Konstanzer Polizei, des Zolls, der Bereitschaftspolizei, sowie der Schweizer Grenzwacht und der Kantonspolizei Thurgau beteiligt. Die Diskothek, in der ca. 400 Gäste anwesend waren, wurde dabei von den Einsatzkräften gestürmt. Der Aktion lagen laut Presseinformation der Polizei „konkrete Hinweise“ auf Drogenhandel in „erheblichen Umfang“ zu Grunde.

Im Laufe der nachfolgenden Tage wurden von den bei der Aktion anwesenden Gästen schwere Vorwürfe bezüglich des Vorgehens der Polizei geäußert: Die Aktion sei mit unverhältnismäßiger Härte durchgeführt worden. Neben einigen Hinweisen auf ein provokatives und aggressives Verhalten einiger Beamten, geben mutmaßliche Augenzeugen auch an, dass beim Stürmen des Gebäudes mehrere Personen Verletzungen erlitten hätten. Davon wurde zumindest das Vorliegen einer diesbezüglichen Beschwerde einer Frau von der Polizei bestätigt.

Die anwesenden Gäste wurden über mehrere Stunden im Veranstaltungsort festgehalten, das Aufsuchen der Toilette war nach mehreren Aussagen nur mit ganz erheblichen Verzögerungen und im Beisein von Polizeibeamten möglich. Alle 400 Gäste mussten sich im Zuge der Aktion nackt ausziehen, sich einer Leibesvisitation und erkennungsdienstlichen Behandlung unterziehen. Dabei wurden auch Fotos der Personen angefertigt und Informationen aus mitgeführten Mobiltelefonen erhoben.

Der Einsatzleiter und Chef der Konstanzer Kriminalpolizei, Kriminaldirektor Gerd Stiefel sprach hingegen von einem „professionelle[n] Einschreiten der Beamtinnen und Beamten ohne nennenswerte Zwischenfälle“ und wies dem Einsatz eine präventive Wirksamkeit zu. Bei 14 der anwesenden Gäste konnte ein Drogenbesitz nachgewiesen werden.

Unterdessen hat der Inhaber des Veranstaltungsortes eine rechtliche Überprüfung der Verhältnismäßigkeit der Polizeiaktion angekündigt und Betroffene dazu aufgefordert, sich zu melden. Auch einige der mutmaßlich Anwesenden haben in Diskussionsforen rechtliche Schritte angekündigt.

Ausziehen, Umdrehen, Klappe halten

Juni 10, 2008

in und um Konstanz gehen die Wogen hoch, berichtet der Südkurier:

Nach einem massiven Großeinsatz bei einer Drogenrazzia in einer Konstanzer Diskothek gerät die Polizei unter Druck. Einige Diskogäste haben Beschwerden eingereicht, weil sie sich unwürdig behandelt fühlten. Juristen zweifeln an der Verhältnismäßigkeit der Aktion und auch die Landes-Datenschützer schalten sich ein.
Konstanz – Diesen Abend wird Patrick Konopka, 27, so schnell nicht vergessen. Dabei sah es für den Barkeeper lange so aus, als würde es ein gewöhnlicher Freitagabend in der Veranstaltungshalle Blechnerei im Konstanzer Industriegebiet werden: Aus den Boxen dröhnten elektronische Klänge, rund 400 Gäste waren zum Tanzen und Feiern gekommen, die Stimmung war gut. Doch gegen 2 Uhr wurde alles anders. „Die Musik ging aus, das Licht an und Polizisten stürmten mit Schlagstöcken und Schutzschildern bewaffnet in den Raum“, erinnert sich Konopka. Kurz darauf kam eine Durchsage, dass es sich um eine Drogenrazzia handele und alle Ruhe bewahren sollten. Das war der Anfang eines Großeinsatzes (rund 250 Beamte waren beteiligt), der nun auch Juristen und Datenschützer beschäftigt.
Zweifel gibt es dabei vor allem an der Verhältnismäßigkeit des Einsatzes. Etliche Diskogäste haben im Nachhinein massive Kritik an den Beamten geübt, einige von ihnen haben Beschwerden an die Polizeidirektion Konstanz geschrieben. Die Liste der Vorwürfe ist lang: Sie reicht vom stundenlangen Festhalten (bis zu vier Stunden durften sich einige Gäste dabei nicht vom Fleck bewegen) ohne hinreichenden Verdacht über rüdes Verhalten bis hin zu Körperverletzung. Tatsächlich ist nach mehreren Zeugenaussagen ein weiblicher Gast beim Sturm des Veranstaltungsraums so heftig umgeworfen worden, dass sie eine Platzwunde erlitt. Als die Sicherheitskräfte der Diskothek Erstversorgung leisten wollten, seien sie von den Beamten daran gehindert worden, so ein Zeuge gegenüber dieser Zeitung.

Die Polizei steht plötzlich im Zwielicht. Das vor allem auch wegen der intensiven Untersuchungsmethoden. So wurden alle Diskobesucher nicht nur mit einer Nummer vor der Brust fotografiert, sondern sie mussten zunächst an einem Drogenspürhund vorbei und auch nachdem dieser nichts gefunden hatte, sich zu einer weiteren Untersuchung in einen Bus begeben, sich dort komplett ausziehen und sämtliche Körperöffnungen untersuchen lassen. Einige weibliche Gäste mussten demnach sogar ihren Tampon entfernen.
„Ich finde, da hört es einfach auf“, sagt Patrick Konopka. Die Polizei Konstanz bemüht sich inzwischen um Deeskalation. „Wir wissen natürlich um die Sensibilität der Situation und wir bedauern es, wenn sich einige Gäste im Einzelfall entwürdigend behandelt fühlten“, sagt der Polizeisprecher Michael Aschenbrenner. Gleichwohl ist er davon überzeugt, dass die Verhältnismäßigkeit insgesamt gewahrt wurde. „Wir haben lange überlegt, ob wir die Razzia machen wollen“, so Aschenbrenner. Letztlich seien die Verdachtsmomente aber zu groß gewesen. Demnach seien bereits im Vorfeld der Razzia vier Personen festgenommen worden, die die Blechnerei als Drogenumschlagplatz genutzt hätten. Außerdem habe es mehrere Vorfälle „in diesem Lokal“ gegeben. Es sei bei der Aktion aber auch darum gegangen, zu zeigen, dass man keine offene Drogenszene in Konstanz dulde. Insgesamt wurden bei der Razzia 31 Drogendelikte festgestellt.

Spricht man mit Juristen über diesen Fall und bittet um eine Einschätzung, dann hört man zunächst: „Das kommt darauf an“. Einig sind sie sich jedoch darin, dass die Polizei einen massiven Verdacht gehabt haben muss, um diesen von einigen Gästen als „martialisch“ empfundenen Einsatz erklären zu können. Grundsätzlich seien Durchsuchungen von Personen bereits dann zulässig, wenn sie sich an einem Ort befinden, an dem „erfahrungsgemäß“ Straftaten begangen werden.

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Ob das Vorgehen der Polizei tatsächlich angemessen war, wird nun geprüft: Die Betreiber der Blechnerei haben Widerspruch gegen die Razzia eingelegt und wollen die Verhältnismäßigkeit jetzt prüfen lassen: „Im Interesse unserer Gäste haben wir uns dazu entschlossen“, sagte Christian Widmann, einer der Geschäftsführer. Dies bleibt nicht der einzige Punkt, der demnächst überprüft wird: Auch Peter Zimmermann, der Datenschutzbeauftragte des Landes Baden-Württemberg , will das Vorgehen der Polizei unter die Lupe nehmen. Er stößt sich vor allem an der Tatsache, das Handys konfisziert wurden und dabei angeblich Daten kopiert wurden: „Das ist nur zulässig im Zusammenhang mit dem konkreten Verdacht einer Straftat“, so Zimmermann.

Für den 27-jährigen Patrick Konopka steht nach dieser langen Nacht jedenfalls fest: „Die ganze Aktion war überdimensioniert und grenzwertig.“

Widerspruch gegen Blechnerei-Razzia

Juni 9, 2008

Eine Woche nach der großen Drogenrazzia in der Veranstaltungshalle „Blechnerei“ im Industriegebiet haben die Betreiber der Halle Widerspruch gegen diese Razzia eingelegt. „Im Interesse unserer Gäste haben wir uns dazu entschlossen“, sagte Christian Widmann, Geschäftsführer der Blechnerei. Viele Besucher hätten sich bei ihm über die Vorgehensweise der Polizei beschwert. Auch im Internet auf www.suedkurier.de wurde die Razzia intensiv diskutiert. Nun muss die Polizei darlegen, dass sie bei die Verhältnismäßigkeit gewahrt hat.

Die Prüfung erfolgt nach Angaben eines Polizeisprechers nun bei der Landespolizeidirektion in Freiburg oder direkt beim Innenministerium in Stuttgart. Die Polizei rechnet aber nicht damit, dass ihr unverhältnismäßiges Handeln bescheinigt wird. Nach Recherchen des SÜDKURIER äußern inzwischen jedoch auch Juristen Zweifel an der Verhältnismäßigkeit der Razzia. Grundlage für ein solch massives Auftreten können demnach nur ganz massive Verdachtsmomente gewesen sein. Bei rund 400 Gästen waren 31 mutmaßliche Delikte festgestellt worden. Gegen mehr als 90 Prozent von ihnen lag offenbar nichts vor. Alle Gäste hatten sich mehrfachen intensiven Drogen-Durchsuchungen zu stellen. Inzwischen hat sich auch der Datenschutz eingeschaltet. Vor allem wegen der konfiszierten Handys wolle man mit der Polizei Konstanz in Kontakt treten, sagte Peter Zimmermann, Landesbeauftragter für Datenschutz. (Südkurier)

die GDL der Landwirte oder was deren Ex-Chef Manfred Schell mit dem Milchboykott zu tun hat

Juni 8, 2008

Wie die Milchbauern die Revolte organisiert haben

(spiegel online)

Es war ein Aufstand der Kleinen. Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter hat geschafft, was dem großen Bauernverband über Jahre nicht gelungen ist: Er hat den Protest gegen die niedrigen Milchpreise organisiert und bundesweit Landwirte mobilisiert. Mit beachtlichem Erfolg.

Gelassen ist er, trotz der Hektik. Fein säuberlich hat er auf seinem großen Schreibtisch die verschiedenen Papiere verteilt, mindestens zehn Stapel mit Faxen, Briefen und Positionspapieren liegen vor ihm. Zwei Handys klingeln abwechselnd und trotzdem lässt sich Hans Foldenauer nicht aus der Ruhe bringen. Seine Bewegungen sind entspannt, die Sätze kommen mit weichem Allgäuer Akzent, kein Satz zu viel kommt ihm über die Lippen.

So einen wie ihn braucht es wohl, um einen Aufstand zu organisieren: Seit mehr als zehn Tagen boykottieren die deutschen Milchbauern die Molkereien, haben mit ihrem Lieferboykott dafür gesorgt, dass in den Supermärkten erstmals seit Jahrzehnten die Milchregale leer blieben. Und dass sich mit Lidl der erste Discounter bereit erklärt hat, den Bauern mehr Geld für ihre Milch zu zahlen.

Organisiert hat das alles der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter, dessen Sprecher Foldenauer ist. Ein Verband, der bis vor kurzem nur Landwirtschaftsexperten ein Begriff war – und der geschafft hat, was der große Deutsche Bauernverband (DBV) seit Jahrzehnten nicht erreicht hat: Deutschlandweit haben sich Landwirte organisiert, sind auf die Straße gegangen, haben Molkereien blockiert. Milchbauern aus dem Ausland haben sich solidarisiert. Und selbst die Verbraucher haben die rebellierenden Bauern ins Herz geschlossen, die mit der kleinen, schwarz-rot-goldenen Kuh Faironika für faire Preise kämpfen.

„Gehen Sie heim und melken Sie Ihre Kühe“

Dabei hätte sich die Truppe um Foldenauer, den Vorsitzenden Romuald Schaber und ihre Mitstreiter den Erfolg nicht träumen lassen. Denn den eher kleinen Interessenverband gibt es erst seit exakt zehn Jahren, lange wurde er als Splittergruppe verlacht, die man nicht ernst nehmen wollte. „Habt Ihr denn überhaupt genug Geld“, soll der Milchreferent des Bauernverbandes spöttisch gefragt haben, als die verzweifelten Milchviehhalter sich vor zehn Jahren selbständig machten. „Gehen Sie heim und melken Sie Ihre Kühe. Alles andere können wir besser“, hat DBV-Chef Gerd Sonnleitner dem heutigen BDM-Sprecher Foldenauer vor ein paar Jahren mit auf den Weg gegeben.

Doch das Lachen ist dem mächtigen Bauernverband inzwischen vergangen: Inzwischen hat der kleine Gegenspieler 33.000 Mitglieder, die rund 45 Prozent der Milchproduktion bestimmen. Jetzt sitzen Foldenauer und seine Mitstreiter in einem provisorischen Büro am Berliner Kurfürstendamm und können immer noch nicht ganz fassen, welche Lawine sie losgetreten haben. „Die Dynamik hat uns überrascht“, gibt Foldenauer ganz offen zu.

Dabei hat der Verband gezielte Aufbauarbeit geleistet: Vom Ortsverband über die Kreisebene bis hin zur Landesorganisation hat er sein Netzwerk gesponnen. Hat mit der Hilfe von Gewerkschaften Strategien erarbeitet und damit jenen Bauern aus dem Herzen gesprochen, die sich vom großen Dachverband DBV schon lange vernachlässigt fühlten. „Wir sind alle noch am Boden, kennen die Realität – und alle Mitglieder unsere Handynummern“, begründet Foldenauer den Erfolg. Außerdem sei man absolut unabhängig, sitze – im Gegensatz etwa zu DBV-Präsident Sonnleitner – in keinerlei Aufsichtsräten.

„Der Deutsche Bauernverband hat die Milchbauern über Jahrzehnte vernachlässigt“, begründet auch Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) den Erfolg des kleinen Verbandes. Schon immer seien die Produzenten von Zucker und Getreide in dem großen Dachverband stärker vertreten, die Milchbauern nicht ernst genommen worden. „Dass die sich selbst organisieren, damit hat niemand gerechnet“, sagte Graefe zu Baringdorf. „Damit verliert der Bauernverband an Einfluss – und das tut ihm weh.“

„Weitere werden folgen“

Tatsächlich könnte das Beispiel der Milchbauern Schule machen: Auch die Bauern aus anderen Bereichen organisieren sich inzwischen abseits des Bauernverbandes. Schon länger gibt es die Interessengemeinschaft der Schweinehalter, die explizit die „Wettbewerbsstellung der Schweinehalter bundesweit nachhaltig verbessern“ wollen. Und erst im April hat sich der Bundesverband Deutscher Fleischerzeuger gegründet, weil sie „den Glauben, dass die Vertreter im Bayerischen Bauernverband höhere Preise durchsetzen können, verloren haben“, wie es heißt.

„Weitere werden folgen, weil sie unzufrieden mit der Vertretung durch den Bauernverband sind“, prophezeit auch Bärbel Höhn, Vize-Fraktionsvorsitzende und ehemalige NRW-Landwirtschaftsministerin der Grünen. Gerade bei den kleineren Betrieben brodele es. „Der BDM hat in kürzester Zeit für die Milchbauern mehr erreicht, als der Bauernverband durch 15 Jahre wortreiches Lamentieren. Deshalb bröckelt der Alleinvertretungsanspruch des Bauernverbandes immer mehr, die beobachten gerade hypernervös was vorgeht.“ Das allerdings wundert die Landwirtschaftsexpertin nicht: In Sonnleitners Verband – mit seiner Maxime „Wachsen oder Weichen“ – dominierten die Interessen der großen landwirtschaftlichen Betriebe und der Ernährungsindustrie.

Dort – beim Deutschen Bauernverband – will man von Konkurrenz allerdings nichts hören. „Ein Großteil der BDM-Mitglieder ist gleichzeitig bei uns organisiert“, sagt Rolf Schmidt, Milch-Experte beim DBV. Man tausche sich über Positionen aus, auch wenn es inhaltliche Unterschiede gebe. Dass das Beispiel des BDM Schule macht, befürchtet Schmidt nicht: „Es gibt auch in anderen Bereichen eigene Interessenverbände, etwa bei den Geflügelherstellern oder den Schweinemästern.“

Beim BDM nehmen sie die Aussagen des Bauernverbandes gelassen, der Erfolg gibt ihnen Recht. „Ich glaube, die Bauern wissen ziemlich genau, wem sie die Erfolge der letzten Tage zu verdanken haben“, sagt Foldenauer mit einem leisen Lächeln. Schon wird unter den streikenden Bauern gelacht, die Milchbauern seien die GDL der Landwirte – in Anspielung auf den wochenlangen Streik der Lokführer, die schließlich einen besseren Tarifabschluss als die große Konkurrenzgewerkschaft Transnet erzielten. Deren Solidarität haben die Bauern allerdings tatsächlich: Erst vor kurzem trat Ex-GDL-Chef Manfred Schell im bayrischen Freising vor den Milchbauern auf. Seine Botschaft: Macht weiter so, denn Ihr habt Recht.